DIE TIEFE RUFT

Die Wiederentdeckung der Höhlen im Hévízer See

DIE TIEFE RUFT

Beim Baden im Hévízer See oder beim entspannten Treibenlassen kommt unweigerlich die Frage auf: Was geschieht eigentlich unter uns, was verbirgt sich in den Tiefen unter der Wasseroberfläche? Diese unsichtbare Welt, das Geheimnis des Unbekannten, fasziniert die Menschheit seit Jahrtausenden. Doch was wissen wir tatsächlich über die verborgene Welt
unter der Oberfläche des Sees?


Ein historischer Einschnitt, der alles veränderte…

Bis Ende der 1970er Jahre wurde die zuvor ruhige Entwicklung von Hévíz durch einen unerwarteten und zunehmend eskalierenden Konflikt unterbrochen. Es handelte sich um die sogenannte „Hévíz kontra Nyirád“-Debatte, deren Ursprünge bis in die 1950er Jahre zurückreichen. Im Zuge der forcierten Industrialisierung nach dem Zweiten Weltkrieg gewannen Schwerindustrie und Rohstoffabbau stark an Bedeutung, und insbesondere der Bauxitabbau spielte in den Karstgebieten Transdanubiens – einschließlich des Einzugsgebiets des Balaton – eine immer größere Rolle.

Anfangs erfolgte der Abbau noch oberhalb des Karstwasserspiegels, doch bald drang er in größere Tiefen vor. Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand, dass die Folgen eines Tages auch Hévíz erreichen würden. Mit der Zeit wurden die Auswirkungen jedoch immer deutlicher: Der in den 1970er Jahren festgestellte markante Rückgang der Wasserzufuhr ließ sich nicht mehr durch natürliche Schwankungen erklären. Es handelte sich um ein unmissverständliches Warnsignal, das dringendes Handeln erforderte.

Die Untersuchung der Auswirkungen des Bauxitabbaus und der Karstwasserförderung in Nyirád war nicht nur ein Versuch, einen Umweltkonflikt zu lösen, sondern markierte zugleich den Beginn eines wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses, der das Verständnis des Hévízer Sees grundlegend veränderte. Im Rahmen des 1972 gestarteten Forschungsprogramms konnte nachgewiesen werden, dass das Quellwasser des Sees aus tief liegendem Karstwasser stammt. Dieses wird nicht von einer einzelnen Quelle gespeist, sondern steht mit einem komplexen Höhlensystem in Verbindung. Seine Zufuhr erfolgt aus entfernten Gebieten und ist eng mit den bergbaulichen Aktivitäten in der Region Nyirád verknüpft.

     

Die Taucher des Hévízer Sees zu jener Zeit…

Um die zuvor nur näherungsweise bekannten Daten zu präzisieren, wurden auch Taucher in die Erforschung der Tiefen des Sees einbezogen. Dieser Schritt markierte den Beginn der Höhlenforschung in Hévíz, da erstmals versucht wurde, die Quelle direkt zu erkunden und ihre Struktur zu verstehen. Als Höhepunkt des Projekts erreichten am 10. Februar 1975 zwei Mitglieder des Amphora-Taucherklubs, István Plózer und Lajos Csávosi, die oft auch als „Krater“ bezeichnete Quellhöhle.

Doch was wissen wir heute, mehr als 50 Jahre nach diesem bedeutenden Durchbruch?

Fast fünf Jahrzehnte nach den ersten Erkundungen hat die Forschung erneut an Dynamik gewonnen. Nach Abstimmungen zwischen den Naturschutzfachleuten der Nationalparkdirektion Balaton-Oberland und dem Sankt-Andreas-Rheumakrankenhaus und Heilbad Hévíz wurden neue Untersuchungen des Höhlensystems eingeleitet. Ziel ist es diesmal, fünf weitere kleinere Hohlräume mit geodätischer Genauigkeit zu vermessen, die bereits vor rund fünfzig Jahren im Zuge der Erforschung der Quellhöhle im Bereich unter den sogenannten „Plauderbänken“ identifiziert worden waren.

Am 17. März 2026 tauchten zwei Taucher des mit der Betreuung des Hévízer Sees beauftragten Nationalparks Balaton- Oberland zu den Eingängen der Höhlen hinab. Ihre Aufgabe bestand darin, mithilfe von in der Tiefe platzierten Bojen die genaue Lage (geografische Koordinaten) der Höhleneingänge zu bestimmen. Dies erfolgte durch Fachleute an der Oberfläche, die sich in einem Boot befanden und ein GNSS- Messgerät mit geodätischer Genauigkeit einsetzten. Die Durchführung der Messungen erwies sich jedoch als alles andere als einfach.

Im Wassersystem des Sees treffen unterschiedliche Wasserarten aufeinander: warmes Thermalwasser aus der Tiefe und kühleres Karstwasser, das seitlich zufließt. Die in der Tiefe ablaufenden Prozesse sind nicht statisch – das Wasser ist ständig in Bewegung, wobei sich
Strömungsrichtung und Stärke räumlich verändern. Während der Untersuchungen erschwerte zudem anhaltender Wind die koordinierte Arbeit der sowohl unter als auch über der Wasseroberfläche tätigen Fachkräfte. Trotz dieser Herausforderungen konnte der Einsatz erfolgreich abgeschlossen werden, und im Zuge der Tauchgänge entstanden auch eindrucksvolle Aufnahmen der Höhlen.

     

…und in der heutigen Zeit

Der Hévízer See wurde erstmals 1993 unter Naturschutz gestellt, und im Jahr 2006 wurde das ursprünglich ausgewiesene Schutzgebiet in einer zweiten Phase erweitert.

Ein wesentliches Ziel der aktuellen Forschungsarbeiten ist es, auf der Grundlage präziser Messungen alle bekannten Höhlen des Sees in das nationale Höhlenregister aufzunehmen und damit die wissenschaftliche sowie naturschutzfachliche Bedeutung des Gebietes weiter zu stärken.

Ist das das Ende?

Nach all dem stellt sich zu Recht die Frage: Werden noch weitere Kapitel folgen, oder stehen wir bereits am Ende dieser Geschichte? Vielleicht ist die spannendste Frage gar nicht, was wir
bislang entdeckt haben – sondern vielmehr, was uns in der Tiefe noch erwartet. Eines ist jedoch sicher: Die Zukunft – ob im engeren oder weiteren Sinne betrachtet – wird Veränderungen mit sich bringen, die dieses besondere Naturgefüge unweigerlich prägen werden. Die Geschichte des Hévízer Sees ist daher keineswegs abgeschlossen. Vielmehr ist sie Teil eines fortlaufenden Prozesses, in dem jede Antwort neue Fragen aufwirft.
Und vielleicht wirst du beim nächsten Eintauchen in das heilende Wasser des Sees nicht nur spüren, wie gut es tut, hier zu sein – sondern auch erkennen, dass alles, was um dich herum und unter dir in der Tiefe geschieht, einzigartig und unwiederholbar ist.

Quellen:
Hévíz, az élet forrása
Balaton-felvidéki Nemzeti Park
Szántó Endre: Egy fürdőváros születése - Hévíz története 5.